🏠 Abschlussfallstudie: Integriertes Energiesystem

Ausgangslage: Ein regionaler Energieakteur muss eine belastbare Transformationsentscheidung treffen. Das System umfasst Stromversorgung, Wärmeversorgung, industrielle Energiebedarfe, Mobilität, Erzeugungsportfolio, Speicher, Wasserstoffoptionen, Netzintegration, Marktpreisrisiken, CO₂-Ziele und Versorgungssicherheit.

Rolle der Studierenden: Sie arbeiten als interdisziplinäres Entscheidungsteam. Sie integrieren die technischen Erkenntnisse aus EnT, die energiewirtschaftlichen Zusammenhänge aus EW und die Managementperspektive aus EM zu einer begründeten Empfehlung.

Leitfrage: Welche Strategie ist unter Kosten-, Klima-, Sicherheits-, Umsetzungs- und Risikogesichtspunkten am tragfähigsten?

Technik

Erzeugung, Speicher, Sektorkopplung, Netze, Wasserstoff, Wärme und Flexibilität werden als gekoppelte Anlagenstruktur betrachtet.

Wirtschaft

Investitionsrahmen, Betriebskosten, Strompreisrisiko, CO₂-Kosten, Eigenerzeugung und Importabhängigkeit werden gemeinsam bewertet.

Management

Die Entscheidung muss priorisieren, begrenzen und begründen. Nicht jede technisch mögliche Maßnahme ist strategisch sinnvoll.

Kompetenzziel

Die Studierenden sollen nicht nur Rechenwerte erzeugen, sondern aus einem vereinfachten Modell eine fachlich vertretbare Managemententscheidung ableiten, deren Annahmen, Grenzen und Risiken transparent sind.

🧭 Systembild: Multi-Energie-Hub

ES10 bündelt die vorherigen Fallstudien. Die Systemgrenze umfasst Erzeugung, Netze, Speicher, Lasten, Markt, CO₂-Logik und Leittechnik. Die Pfeile zeigen Energieflüsse; die gestrichelten Pfeile stehen für Steuerungs- und Informationsflüsse.

Integriertes Energiesystem als Entscheidungsraum PV und Windvolatile Erzeugung KWK / Reserveregelbare Leistung Import / MarktPreis- und Risikoraum StromknotenBilanz, Engpass, Flexibilität Batterie / EMSKurzzeitspeicher StromlastenHaushalt, Gewerbe, Industrie WärmewendeWP, Netz, Speicher, Abwärme H₂ / PtXElektrolyse, Kaverne, Nutzung Risiko und CO₂Preis, Ausfall, Dunkelflaute ManagementEntscheidung, Priorität, Roadmap Blau: elektrische Energie · Orange: Wärme · Grün: Wasserstoff/Stoffstrom · Rot: Risiko/Emission · Grau gestrichelt: Information und Steuerung

Systemgrenze

TeilbereichEinbezogene ElementeEntscheidungsrelevanz
StromPV, Wind, regelbare Leistung, Import, Batterie, flexible Lasten, Netzrestriktionen.Bestimmt Kosten, CO₂, Engpassrisiko und Versorgungssicherheit.
WärmeWärmepumpen, Wärmenetz, Abwärme, KWK-Wärme, saisonale Speicher, fossile Spitze.Meist größter Transformationshebel im regionalen Endenergiesystem.
WasserstoffElektrolyse, Speicher, Industrieabnahme, Rückverstromung, Reserve.Wichtig für saisonale Flexibilität und schwer elektrifizierbare Anwendungen.
ManagementBudget, Phasenplan, Prioritäten, Risiko, Akzeptanz, regulatorische Rahmung.Verhindert, dass ein technisch mögliches Modell zur unrealistischen Strategie wird.

📊 Datenbasis und vereinfachte Modellannahmen

Die App nutzt ein didaktisch reduziertes Modell. Die Zahlen dienen der Strukturierung von Entscheidungen, nicht der realen Projektplanung. Für reale Investitionen wären standortbezogene Lastgänge, Netzstudien, Genehmigungen, Verträge, Ausschreibungen und Sensitivitäten erforderlich.

Last und Nachfrage

  • Jahresstrombedarf in GWh
  • Jahreswärmebedarf in GWh
  • Mobilitätsenergie als zusätzliche Stromnachfrage
  • Effizienz als Bedarfsreduktion

Anlagen und Speicher

  • PV und Wind als volatile Erzeugung
  • Batterie als Kurzzeitspeicher
  • H₂-Speicher als Langzeitspeicher
  • KWK/Reserve als regelbare Leistung

Bewertung

  • CO₂-Reduktion gegenüber Referenz
  • Investitionsbedarf und Budgetnutzung
  • Importabhängigkeit
  • Versorgungssicherheitsreserve

Zentrale Gleichungen im Modell

EPV = PPV · 0,95 GWh/(MWp·a)
EWind = PWind · 2,3 GWh/(MW·a)
EWP,el = QWP / COP mit COP = 3,2 im vereinfachten Modell
CO₂neu = Stromimporte · FaktorStrom + fossile Wärme · FaktorWärme + verbleibende Mobilitätsemissionen
Wichtig: Die App bildet bewusst keine stündliche Optimierung, keine Lastflussrechnung, keinen Kraftwerkseinsatzplan und keine finanzmathematische Investitionsrechnung ab. Sie dient als integrierter Denk- und Entscheidungsraum.

⚙️ Interaktive Simulation

Verändern Sie die Parameter. Beobachten Sie, wie sich Energiebedarf, Eigendeckung, Emissionen, Investition, Versorgungssicherheit und Strategiequalität verändern.

Systembedarf
0 GWh/a
Stromäquivalent und Wärme im Modell
Erneuerbare Erzeugung
0 GWh/a
PV und Wind
Importabhängigkeit
0 GWh/a
0 % des Strombedarfs
Emissionen
0 kt/a
0 kt Minderung
Investition
0 Mio. €
0 % des Budgets
Sicherheitsreserve
0 %
gesicherte Leistung gegen Spitzenlast
Systemkostenindex
0
Betrieb, Import, CO₂, Kapitalnäherung
Strategiequalität
0 / 100
Mehrkriterien-Näherung

Interpretation des aktuellen Modells

🔀 Szenarien und Stressfälle

Die Szenarien setzen typische Strategiekonfigurationen. Danach können die Parameter im Simulationsreiter weiter variiert werden.

SzenarioLeitideeStärkeRisiko
ReferenzModerat transformiertes System mit fortbestehender Import- und Fossilabhängigkeit.Vergleichsbasis.Zu geringe Transformationsgeschwindigkeit.
Kommunaler AusbaupfadPV, Wind, Wärme und Speicher werden ausgewogen aufgebaut.Gute Gesamtrobustheit.Hoher Koordinationsaufwand.
StadtwerkstrategieEigenerzeugung, Wärmenetz, Beschaffung und Kundenpreise werden gekoppelt.Managementnah und realistisch.Marktrisiken bleiben relevant.
IndustrieparkFlexibilität, Abwärme, Eigenerzeugung und H₂ werden in einem Energiehub verbunden.Hohe Systemintegration.Prozessrestriktionen und Versorgungspflichten.
QuartiersfokusPV, Wärmepumpe, Wärmenetz und Speicher werden gebäudenah kombiniert.Gute Anschauung für lokale Umsetzung.Akzeptanz, Gebäudezustand, Stromnetz.
NetzengpassFlexibilität, Batterie und Abregelung werden gegen Netzausbau abgewogen.Macht Systemrestriktionen sichtbar.Jahresbilanzen können Engpässe überdecken.
H₂-TransformationH₂-Speicher und Reserve werden für saisonale Robustheit ausgebaut.Stärkt Versorgungssicherheit.Kosten, Effizienzverluste, Verfügbarkeit.
DunkelflauteErneuerbare Einspeisung und Importfähigkeit werden kritisch reduziert.Prüft Resilienz.Hoher Reservebedarf.

📈 Mehrkriterienbewertung

Die Abschlussfallstudie verlangt eine explizite Abwägung. Eine Strategie mit hoher CO₂-Minderung kann am Budget scheitern; eine günstige Strategie kann Versorgungssicherheit oder Klimaziel verfehlen.

Klima

Bewertet Emissionsminderung und fossile Restpfade.

Wirtschaftlichkeit

Bewertet Investition, Importkosten, CO₂-Kosten und Budgetverträglichkeit.

Versorgungssicherheit

Bewertet gesicherte Leistung, Speicher, Flexibilität und Engpassresilienz.

Umsetzbarkeit

Bewertet Komplexität, Bauintensität, Akzeptanz und Phasierbarkeit.

Bewertungsraster

KriteriumGute AusprägungKritische Ausprägung
Technische PlausibilitätLast, Erzeugung, Speicher, Wärme und Reserve sind konsistent dimensioniert.Jahresenergie wird mit gesicherter Leistung verwechselt.
SystemintegrationStrom, Wärme, H₂, Speicher, Netze und Flexibilität werden gekoppelt.Einzelmaßnahmen werden addiert, ohne Wechselwirkungen zu prüfen.
WirtschaftlichkeitBudget, Import, CO₂-Preis und Investitionswirkung werden gemeinsam betrachtet.Nur Investition oder nur Betriebskosten werden betrachtet.
RobustheitStressfälle, Engpässe, Preisrisiken und Ausfälle werden berücksichtigt.Nur ein günstiger Normalfall wird dargestellt.
EntscheidungsqualitätEmpfehlung, Bedingungen, Risiken und nächste Schritte sind klar formuliert.Simulationsergebnis wird ohne Managementlogik übernommen.

🧾 Managemententscheidung

Empfehlung: Bitte im Simulationsreiter Parameter setzen. Die Managementempfehlung wird hier aus dem Modell abgeleitet.

Aufbau einer belastbaren Empfehlung

  1. Entscheidungsgegenstand: Was wird konkret beschlossen: Ausbaupfad, Investitionspaket, Pilotprojekt, Ausschreibung, Speicherstrategie oder Wärmestrategie?
  2. Begründung: Welche technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Argumente tragen die Entscheidung?
  3. Bedingungen: Welche Anschlussquoten, Genehmigungen, Netzkapazitäten, Förderbedingungen oder Preisannahmen müssen erfüllt sein?
  4. Risiken: Welche Fehlannahmen könnten die Strategie entwerten?
  5. Nächster Schritt: Welche Daten, Studien, Ausschreibungen oder Verhandlungen folgen?
Professioneller Prüfpunkt: Eine gute Abschlussfallstudie endet nicht mit „Szenario 3 ist am besten“, sondern mit einer begründeten, konditionierten und risikobewussten Entscheidung.

🔍 Modellgrenzen und Transfer

Nicht abgebildet

  • Stündliche Lastgänge und Wetterjahre
  • Lastflussrechnung und Netzschutz
  • Genehmigungsrecht und Flächenkonflikte
  • Tarifmodelle, Steuern, Umlagen und Förderprogramme
  • Finanzierung, WACC, Abschreibung und Liquidität
  • Vertragsrisiken, Lieferketten, Bauzeiten und Fachkräfte

Didaktische Aussagekraft

  • Das Modell zeigt Zielkonflikte.
  • Es erzwingt Systemdenken.
  • Es macht Sensitivitäten sichtbar.
  • Es verbindet Anlagenverständnis mit Managementlogik.
  • Es trainiert die transparente Begründung einer Empfehlung.

Transferfragen

  1. Welche Annahme ist für die gewählte Strategie am kritischsten?
  2. Welche Maßnahme sollte zuerst als Pilot umgesetzt werden?
  3. Welche Daten müssten vor einem realen Investitionsbeschluss erhoben werden?
  4. Welche Entscheidung wäre bei halbiertem Budget noch vertretbar?
  5. Wie verändert sich die Empfehlung bei einer mehrtägigen Dunkelflaute?