Der kurzfristige Strommarkt ist ein Koordinationsmechanismus für eine physikalisch anspruchsvolle Ware: Strom muss bilanziell in jeder Viertelstunde beziehungsweise Stunde erzeugt, gehandelt und verbraucht werden. Im Day-Ahead-Markt werden standardisierte Strommengen für den Folgetag gehandelt. Die Börse ermittelt für jede Lieferperiode einen Preis, bei dem Angebot und Nachfrage zusammenkommen.
1. Der Markt räumt nicht nach Durchschnittskosten
Im vereinfachten Merit-Order-Modell bieten Erzeugungsanlagen zu ihren kurzfristigen Grenzkosten an. Die Angebote werden von niedrig nach hoch sortiert. Die Nachfrage schneidet diese Angebotskurve. Die zuletzt noch benötigte Anlage ist das Grenzkraftwerk. Ihr Gebot bestimmt den Markträumungspreis. Eingesetzte Anlagen mit niedrigeren Grenzkosten erhalten ebenfalls diesen Preis.
Marktpreis p* = Gebot des Grenzkraftwerks
Deckungsbeitrag je MWh = p* − variable Grenzkosten
Deckungsbeitrag in einer Stunde = erzeugte MWh · (p* − c_var)
Schrittfolge der Preisbildung
Die Marktlogik wird anschaulicher, wenn sie als Abfolge einzelner Entscheidungen gelesen wird. Jede Stunde beginnt mit Prognosen: Wie hoch ist die Last? Wie viel Wind und PV werden erwartet? Welche Kraftwerke sind verfügbar? Welche Brennstoff- und CO₂-Kosten gelten? Daraus entstehen Gebote, die der Marktmechanismus sortiert.
1. Nachfrage bestimmen Die Stromnachfrage der Lieferstunde ist die Menge, die gedeckt werden muss. Im Modell erscheint sie als senkrechte Linie.
2. Angebote sortieren Erzeugungsblöcke werden nach variablen Kosten geordnet. Links stehen niedrige Grenzkosten, rechts teurere und knappere Optionen.
3. Grenzkraftwerk finden Der Block, der die letzte benötigte MWh liefert, setzt den Preis für alle eingesetzten Gebote der Stunde.
4. Deckungsbeiträge prüfen Anlagen unterhalb des Marktpreises erzielen einen Beitrag zur Deckung fixer Kosten. Das ist noch kein Gewinn.
5. Nicht eingesetzte Anlagen erkennen Teurere Blöcke rechts der Nachfrage werden in dieser Stunde nicht benötigt und erzielen keinen Spotmarkterlös.
6. Systemgrenzen reflektieren Netzengpässe, Redispatch, Regelenergie und Verträge können reale Ergebnisse verändern. Die Merit Order erklärt den Kern, nicht die ganze Wirklichkeit.
Mini-Beispiel: Wenn Wind/PV 20.000 MW, Biomasse/Wasser 7.000 MW und Braunkohle 14.000 MW liefern können, sind bis 41.000 MW vergleichsweise günstige Blöcke verfügbar. Liegt die Nachfrage bei 62.000 MW, werden zusätzlich Steinkohle, Gas oder Importe benötigt. Der Preis springt dann nicht langsam zum Durchschnitt, sondern auf das Kostenniveau des Grenzblocks.
Begriffliche Trennung
| Begriff | Bedeutung im Modell |
| Grenzkosten | Kosten einer zusätzlichen MWh; bei fossilen Kraftwerken vor allem Brennstoff, CO₂ und variable Betriebskosten. |
| Vollkosten | Grenzkosten plus Fixkosten, Kapitaldienst, Personal, Instandhaltung, Finanzierung und Risiko. Die Merit Order bildet Vollkosten nur indirekt ab. |
| Marktpreis | Einheitspreis der jeweiligen Lieferperiode, nicht der Endkundenpreis. |
| Deckungsbeitrag | Beitrag zur Deckung fixer Kosten und zur Rendite. Er ist noch nicht Gewinn im bilanziellen Sinn. |
Grenzkostenformel
Für ein thermisches Kraftwerk wird in dieser App vereinfacht gerechnet:
c_el = P_fuel / η + EF_fuel / η · P_CO2 + c_varO&M
P_fuel ist der Brennstoffpreis in €/MWhth, η der elektrische Wirkungsgrad, EF der Emissionsfaktor in t CO₂/MWhth, P_CO2 der CO₂-Preis in €/t und c_varO&M variable Betriebskosten.
2. Was der Strompreis nicht zeigt
- Der Börsenpreis ist kein Haushaltsstrompreis. Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Vertrieb, Messstellenbetrieb, Risikoaufschläge und Beschaffungsstruktur kommen hinzu.
- Der kurzfristige Marktpreis entscheidet nicht allein über Investitionen. Investitionen benötigen Erwartungen über künftige Preise, Erlösstabilität, Kapitalkosten, Regulierung und Risiken.
- Die Merit Order erklärt den kurzfristigen Einsatz, aber nicht automatisch Netzengpässe, Redispatch, lokale Knappheit oder Endkundenabrechnungen.
Didaktischer Kern: Die Merit Order ist ein reduziertes, aber sehr leistungsfähiges Analysemodell. Sie ist besonders dann stark, wenn sie mit Größenordnungen, Grenzkostenrechnung und Portfolioperspektive verbunden wird.